Anonym surfen


Anonym surfen im Web – das wünschen sich viele Menschen in Zeiten staatlicher Überwachung, NSA-Programmen wie Prism und Tempora, und von gewerblichen Datenhändlern. Aber Anonymität im Internet zu wahren ist komplizierter als man denkt. Wir zeigen Ihnen, wie Sie Ihre Spuren im Netz zumindest verschleiern können.

Beginnen wir mit der Frage, welche Spuren Sie im Internet hinterlassen, und wie Sie dadurch identifiziert werden können.

Spur 1 im Internet: die IP-Adresse

Sie tippen einen Seitennamen in Ihren Browser ein und sofort erscheint die Seite? Kein Wunder, denn genau dafür gibt es die IP-Adresse. Jeder Computer im weltweiten Netz hat eine solche Adresse, quasi eine einzigartige Hausnummer. Das muss auch so sein, denn das Internet ist nichts anderes als ein Verbund von Millionen Rechnern. Wenn in diesem Netz Informationen verschickt werden, benötigen diese eine “Anschrift”, wohin sie gehen sollen – eben die IP-Adresse Ihres Computers.

Mit dieser Adresse, die zum jeweiligen Zeitpunkt kein anderer Internetsurfer in der ganzen Welt hat, sind Sie problemlos – zum Beispiel von Ermittlungsbehörden – identifizierbar. Genauso einfach lässt sich dann auch herausfinden, über welchen Host Sie surfen, also wie der Server des Internetanbieters heißt, über den Sie gerade im Internet sind.

IP-Adressen sind nach einem ganz bestimmten Schema aufgebaut. Sie bestehen grundsätzlich aus vier Dezimalzahlen, die mit Punkten getrennt sind. Damit kann es rein rechnerisch 4,3 Milliarden verschiedene Adressen dieser Art geben.

Bleibt die Frage, warum Sie keine Zahlenkolonnen eingeben müssen, wenn Sie eine bestimmte Webseite besuchen wollen. Des Rätsels Lösung sind so genannte Domain Name Server (DNS). Diese ordnen die Zahlenkolonnen den festen IP-Adressen (wie sie zum Beispiel Webseiten haben) zu. DNS arbeiten quasi als Übersetzer – und erleichtern so das Surfen im Internet enorm.

Feste IP-Adresse, dynamische IP-Adresse

Die Zahl der IP-Adressen im Internet ist begrenzt. Deshalb haben Provider wie etwa T-Online einen großen Pool solcher Adressen. Wenn Sie ins Internet gehen, weist Ihnen Ihr Provider eine gerade freie IP-Adresse aus diesem Pool für den Zeitraum Ihrer Sitzung zu. Das nennt man eine dynamische IP-Adresse.

Etwas anderes liegt der Fall, wenn Sie selbst einen Server betreiben oder über eine größere Firma ins Internet gehen. Diese verfügen häufig über eine feste IP-Adresse.

Jedes Mal, wenn Sie während Ihrer Internetsitzung aktiv werden, ob Sie nun eine Seite besuchen, Dateien auf Ihren Rechner herunterladen, Filme ansehen oder Musik anhören, wird Ihre IP-Adresse unsichtbar an Ihren “Gegenüber” versendet, also an den Rechner, mit dem Ihr PC gerade kommuniziert. So weiß dieser, wohin er seine Daten schicken muss, damit sie auch ankommen.

Schon die IP-Adresse, die Ihnen zugeteilt ist, verrät eine Menge über Sie. So lässt sich recht genau zurückverfolgen, an welchem Punkt in der Welt Sie sich eingewählt haben. Gehen Sie nun über eine feste IP-Adresse ins Netz, etwa über ein Firmennetzwerk, lässt sich Ihr Standpunkt durch eine Rückverfolgung (den so genannten Traceroute) auf wenige Meter genau feststellen. Bei einer dynamischen IP-Adresse wird das schon schwieriger, ist allerdings seit Inkrafttreten der Bestandsdatenauskunft im JUli 2013 auch problemlos möglich.  Endgültig identifizierbar werden Sie dann in Verbindung mit Ihren Verbindungsdaten.

Spur 2 im Internet: Ihre Verbindungsdaten

Wenn Sie sich ins Internet einwählen, speichert Ihr Diensteanbieter die Verbindungsdaten von Ihnen. Dazu gehört die IP-Adresse, die Ihnen zugewiesen wurde, Beginn und Ende der Verbindung mit Datum und Uhrzeit, und, sofern dies zur Abrechnung nötig ist, die Menge der übertragenen Daten.

Spur 3 im Internet: Bestandsdaten

Um im Internet surfen zu können, benötigen Sie – wie schon oben dargestellt – einen Anbieter, der Ihnen den Zugang zum Web zur Verfügung stellt. Egal, ob Sie diesen Zugang nun über Modem, ISDN oder DSL herstellen, müssen Sie sich bei Ihrem Internet Service Provider (ISP) anmelden. Die dafür nötigen Daten heißen Bestandsdaten und werden natürlich auch gespeichert.

Zu den Bestandsdaten gehören Namen und Anschrift, Rechnungsadresse und weitere Kontaktdaten (Telefon, Fax, Mailadresse). Diese Daten müssen, so will es das Telemediengesetz(TMG), “für Zwecke der Strafverfolgung, zur Erfüllung der gesetzlichen Aufgaben der Verfassungsschutzbehörden des Bundes und der Länder, des Bundesnachrichtendienstes oder des Militärischen Abschirmdienstes” von Diensteanbietern herausgegeben werden. Seit Juli 2013 ist die   Bestandsdatenauskunft nochmal erleichtert worden. Selbst bei möglichen Bagatelldelikten dürfen Ihre Daten nun schon herausgegeben werden.

Spur 4 im Internet: Server-Protokolle

Nicht nur Ihr Internet Service Provider zeichnet auf, wann Sie mit welcher IP-Adresse online sind. Auch Ihr jeweiliger “Gegenüber” protokolliert Ihre Besuche mit. Wenn Sie eine Webseite besuchen, greifen Sie auf einen Server zu, also einen Rechner, auf dem die jeweiligen Seiten (oder von Ihnen abgerufenen Dokumente, Filme, Bilder etc.) liegen. Diese Zugriffe werden automatisch in Logfiles (Protokollen) aufgezeichnet.

Zu den gespeicherten Daten zählen unter anderem die IP-Adresse des Besuchers, der Zeitpunkt, in vielen Fällen auch Daten wie das Herkunftsland des Besuchers, sein Betriebssystem, die Sprache seines Browsers und vieles andere wie beispielsweise der Referrer. Darunter versteht man die Webseite, von der Sie auf gerade gekommen sind. Was mit all diesen Daten geschieht, können Sie als Besucher nicht wissen.

Spur 5: Browser-Identifikation und Browser-Strings

Ob Internet Explorer, Mozilla Firefox, oder Chrome: Auch Internet-Browser eigen sich hervorragend, Sie zu identifizieren. Das liegt an den vielen Einstellungsmöglichkeiten und Zusatzprogrammen (Add-ons), die jeden Browser individuell machen. Die Kombination all dieser Daten – angefangen vom Betriebssystem über die Auflösung, die Sprache, und die installierten Add-ons bis hin zur Versionsnummer des Browsers ergeben einen sogenannten “User-Agent-String”, der   standardmäßig beim Besuch von Internetseiten übermittelt wird. Weil kaum eine dieser Kombinationen der anderen gleicht, sind Sie in gewisser Form identifizierbar. Vor allem die Online-Werbeindustrie macht sich das zunutze.

Spur 6: Google und soziale Netzwerke

Dass Google und soziale Netzwerke wie Facebook Daten sammeln, ist hinreichend bekannt. Über die gewaltige Dimension dieser Datensammlung machen sich allerdings nur die wenigsten Nutzer Gedanken. Facebook etwa registriert nicht nur, mit wem man wann und wie direkt über das soziale Netzwerk Kontakte hatte, welche Bilder man gesehen hat und welche Nachrichten man im Chat verschickt hat; selbstverständlich kann über den auf Millionen Seiten integrierten Like-Button auch festgestellt und gespeichert werden, welchen Seiten man im Internet besucht hat. Gleiches gilt für Google, dass die Suchanfragen seinen “persönlich bekannten” registrierten Nutzer oder Youtube-Mitgliedern zuordnen und so Persönlichkeits- und Surfprofile erstellen kann.

Das Ende der Anonymität im Internet

Die Kombination von IP-Adresse und Speicherung von Bestands- und Verbindungsdaten ist – zumindest für den Erhalt von Anonymität und Privatsphäre im Internet – verhängnisvoll. Ihr Diensteanbieter speichert Ihren Namen und Ihre Adresse, er zeichnet auf, wann und wie Sie ins Internet gehen, samt Ihrer jeweiligen individuellen IP-Adresse. Gleichzeitig teilen Sie beim Surfen der “anderen Seite” ständig mit, welche IP-Adresse Sie haben, und können so relativ genau lokalisiert werden. Und auch diese Daten werden gespeichert – wobei Sie keinen Einfluss darauf haben, wie sie letztlich genutzt werden.

Von wegen anonym surfen: Wer Ihre Daten bekommt

Wir haben gesehen, dass Sie im Internet verschiedene Spuren hinterlassen. Diese können nun zusammengeführt werden und so zu Ihrer Identifizierung verwendet werden. Diese Zusammenführung ist auf verschiedene Weise möglich:

  • Ermittlungsbehörden: Die Kombination von IP-Adresse und Verbindungsdaten ist für eine gewisse Zeit bei Ihrem Diensteanbieter gespeichert. In dieser Zeit können Ermittlungsbehörden die Daten abfragen und damit überprüfen, ob Sie womöglich eine Straftat im Internet begangen haben.
  • Geheimdienste: Sowohl deutsche als auch ausländische Geheimdienste – allen voran die US-amerikanische NSA – spähen den Internetverkehr großflächig aus und speichern Daten.  Dabei gibt es einen regen Austausch der Geheimdienste untereinander.
  • Private Dritte: Private Dritte, zum Beispiel auch Unternehmen aus der Film- und Musikindustrie, können über einen Umweg an Daten kommen, um Sie zu  identifizieren. Sie müssen einfach nur Strafanzeige bei einer Staatsanwaltschaft gegen Unbekannt erstatten. Wenn die Fahnder dann ermitteln und beim Provider  Ihre Identität ermitteln, müssen die Unternehmen nur noch über ihren Anwalt um Akteneinsicht bitten – schon sind Ihre höchstpersönlichen Daten und Ihre Identität bekannt.
  • Musik-, Film- und Softwareindustrie: Im Rahmen der EU-Gesetzgebung hat die deutsche Bundesregierung auch einen zivilrechtlichen Auskunftsanspruch gegenüber Providern eingeführt. Das betrifft vor allem das Tauschen illegal kopierter Musik, Software und Filme im Internet (Filesharing). In diesem Fall können Firmen zur Durchsetzung von Schadensersatzforderungen einfach bei den Internetprovidern die Verkehrsdaten von Verdächtigen abfragen – ohne Umweg über die Staatsanwaltschaft. Damit sind Sie also auch von privaten Dritten relativ einfach identifizierbar.
  • Konzerne: Google, Facebook oder Amazon erforschen die Internetgewohnheiten ihrer Nutzer und führen diese aus verschiedenen Gründen zu Persönlichkeitsprofilen zusammen.

IP-Adresse und Identität im Internet verschleiern

Auf den nächsten Seiten zeigen wir Ihnen, wie Sie Ihre verräterische IP-Adresse so verschleiern können, so dass anonymes Surfen zumindest bedingt möglich wird.

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Bild: katz23 – Fotolia.com

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